Kleine Geheimnisse der Schweizer Wälder: Faszination Makrofotografie
Die Makrofotografie zeigt uns die faszinierenden Details unserer Umgebung, die mit dem blossen Auge oft nicht gesehen werden können. Genau darüber durften wir mit Martin Reichenbach, Hobbyfotograf aus Urdorf im Kanton Zürich, sprechen. Gleich zwei seiner eindrucksvollen Fotos wurden in die Top 1000 beim CEWE Photo Award – dem grössten Fotowettbewerb der Welt – gewählt. Er hat sich bei seiner Fotografie auf die kleinen Lebewesen in der Natur spezialisiert und spricht mit uns über Tipps und Tricks in der Makrofotografie.
Schön dich kennenzulernen. Erzähle uns, wer du bist und wie du zur Fotografie gekommen bist.
Mein Name ist Martin Reichenbach und die Makrofotografie ist mein Hobby und meine grösste Leidenschaft. Mein Interesse für die Fotografie und insbesondere den Makrobereich hat schon in meiner Kindheit begonnen. Als kleiner Junge habe ich Insekten und Spinnen in kleinen Gläsern gefangen und meiner Mutter gezeigt. Zudem hatte mein Grossvater ein eigenes Stück Wald, wo wir oft gemeinsam unterwegs waren. Dort hat meine Liebe zum Wald begonnen und die Begeisterung für die kleinen Lebewesen wurde bestärkt.
Durch Corona bin ich erst so richtig zur Fotografie gekommen, da ich plötzlich viel Zeit hatte. Ich habe mir eine Kamera geschnappt und wollte zuerst Wildlife- und Naturfotografie machen. Die Makrofotografie hat mich aber nie losgelassen und so habe ich mich darauf spezialisiert.
Was möchtest du mit deinen Fotos erreichen?
Mein Ziel ist es, den Leuten zu zeigen, dass auch die ganz kleinen Lebewesen unter uns hübsch und faszinierend sind, obwohl man sie meistens gar nicht wahrnimmt. Oft läuft man einfach vorbei, weil sie teilweise gut verborgen im Totholz leben. Ich möchte zeigen, dass der Wald extrem lebens- und farbenfroh ist und insbesondere das Tierreich dort sehr seltene Farben aufweist.
Was war dein schönster fotografischster Moment?
Das war, als ich einen Feuersalamander fotografieren durfte. In dem Wald bei mir zuhause hat es extrem wenige Feuersalamander. Das ist ein Tier, was ich nur selten sehe. Ich wollte deshalb schon immer mal einen fotografieren. Als es dann geklappt hat, war das wirklich etwas Spezielles, eine Mischung aus Zufall und Glück.
Spielt das Glück bei der Makrofotografie eine grosse Rolle?
Die Natur wartet nicht auf dich, sie verändert sich ständig. Da kannst du teilweise richtig Glück, aber auch Pech haben. Du kannst bei der Makrofotografie nicht planen und sagen: «heute möchte ich eine ganz bestimmte Spinnenart fotografieren», weil du sie dann meistens nicht findest. Wichtig ist, dass man regelmässig losgeht und dranbleibt, denn man sieht und entdeckt immer neue Sachen. Genau das macht es so spannend und sorgt immer wieder für riesige Überraschungen.
Was fasziniert dich an der Makrofotografie?
Lebewesen wahrzunehmen, die man nur durch die Linse wirklich entdecken kann, ist für mich ein beeindruckendes Gefühl. Ich liebe die ganzen Details, die man mit dem blossen Auge gar nicht sieht. Auch die verschiedenen Farben, die man meist erst durch die Kamera richtig erkennt. Ich finde es faszinierend, wie unterschiedlich die Tiere sind, dass die Eintagsfliege zum Beispiel vier Augen hat und damit die Welt ganz anders wahrnimmt. So etwas weiss man nur, wenn man sich damit beschäftigt und sich die kleinen Tierchen ganz genau anschaut.
Wahrscheinlich braucht es dazu viel Geduld?
Definitiv. Gerade am Anfang ist viel Geduld gefragt – man ist einfach froh, wenn man ein Bild von dem Käfer hat. Mit der Zeit sammelt man Erfahrungen und kann besser abschätzen, wann das Warten sich weniger lohnt. Man lernt, dass man manchmal erst zuhause sieht, dass es Bewegung gab und die Fotos nichts geworden sind. Aus diesem Grund mache ich zum Beispiel immer mehrere Serien. Ich fotografiere acht Mal dasselbe Set und eins davon ist auf jeden Fall etwas geworden.
Das heisst, die kleinsten Bewegungen können dazu führen, dass die Fotos nichts werden?
Genau, das müssen nicht mal Bewegungen von dem Insekt sein, sondern Bewegung der Umgebung. Wenn man mit der fünffach Vergrösserung fotografiert, reicht schon ein kleines Vibrieren, zum Beispiel durch Schritte in der Nähe, damit die Fotos nichts werden. Ich fotografiere mit einem manuellen Objektiv und fokussiere nur über die Distanz. Ich bewege die Kamera ganz leicht nach vorne und wieder zurück, um zu fokussieren. Gerade bei diesen manuellen Objektiven kann es schnell mal passieren, dass man das Foto verwackelt. Hier sind eine stabile Position und Haltung extrem wichtig.
Warum hast du dich für das manuelle Fotografieren entschieden und nutzt kein Stativ?
Als Naturfotograf zieht es mich immer wieder tief in den Wald. Meine Objektive haben keinen Autofokus und teilweise nicht einmal einen Fokusring – das Fokussieren geschieht hier nicht über Technik, sondern über Geduld, ruhige Bewegungen und genaues Beobachten. Ein Stativ lasse ich bewusst zu Hause. Ich möchte leicht bleiben, beweglich, bereit, jedem neuen Winkel und jeder Lichtung zu folgen. Im Wald zählt jede Sekunde: Ein Insekt huscht über ein Blatt, eine Spinne kriecht an einem Ast entlang – ehe man ein Stativ aufgebaut hätte, ist der Moment oft schon vorbei.
Besonders in der Makrofotografie offenbart der Wald seine flüchtigen Geheimnisse. Ein Tauperlen-bedeckter Käfer, ein Schmetterling, der im Sonnenlicht aufblitzt, oder die winzigen Bewegungen von Ameisen – all das erfordert schnelles Handeln.
Mit Blitz und Diffusor kann ich die Bewegungen der kleinen Waldbewohner einfangen. Das Licht friert sie ein und lässt selbst feinste Details sichtbar werden. So halte ich die flüchtigen Momente des Waldes fest: lebendig, nah und unverfälscht, mitten im Herz des Grünen.
Bist du hauptsächlich in der Schweiz unterwegs?
Ja, das ist das Schöne an der Makrofotografie: man muss nicht weit reisen. In der Schweiz gibt es so viele spannende Arten. Das Einzige, was man braucht, ist eine Wiese oder Waldstück. Meistens kann man das sogar vor der Haustür machen. Man muss nur genau hinschauen.
Gibt es Orte, die besonders spannende Makromotive bieten?
Als Fotograf wünschst du dir einen Wald, der nicht aufgeräumt ist. (lacht) Für uns ist es toll, wenn die Baumstämme liegen oder stehen gelassen werden, auch wenn sie tot sind. Auf den noch stehenden Stämmen findet man andere Arten als auf den liegenden Stämmen. Wenn ich liegendes Totholz gefunden habe, dann besuche ich es das ganze Jahr durch oder sogar darüber hinaus – einen Stamm besuche ich schon seit 2022. Durch den Wandel gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken. Mittlerweile wird er komplett zersetzt, aber gerade dann findet man zum Beispiel die kleinen Schleimpilze.
Was kann man noch alles auf einem solchen Stück Totholz entdecken?
Jede Menge, zum Beispiel einige Larven, sehr viele Wildbienen, die sich dort einnisten, parasitäre Wespen, Kröten und Frösche, Pilze und Schleimpilze.
Die Schleimpilze sind allerdings sehr wetterabhängig. Die besten Bedingungen herrschen, wenn es zuvor länger geregnet hat und anschliessend zwei bis drei Tage schönes Wetter folgt – dann ist die Chance, Schleimpilze zu finden, am grössten. Man kann sogar die kleinen Fruchtkörper sehen. Es gibt Arten, da sind 100 Stück auf einem Fleck und das ist dann schon eine eindrucksvolle Erscheinung. Dagegen gibt es einzelne Schleimpilze auf Totholz, bei denen man wirklich sehr genau hinschauen muss, weil die nur winzige Millimeter gross sind. Je nach Winkel siehst du sie oder siehst du sie nicht. Es lohnt sich also, verschiedene Perspektiven einzunehmen.
Hast du Tipps, um an die Tierchen ranzukommen?
Dachse und Füchse kommen oft zum Fressen an das Totholz und lösen einen Teil der Rinde ab, das ist sehr hilfreich. Ich entferne Rinde nur, wenn sie schon lose ist und lege sie danach wieder hin. Das Gleiche mache ich auch mit den grösseren Totholzstücken. Man kann die Stücke gut anheben und schauen was darunter ist, aber danach bitte wieder auf die gleiche Stelle legen oder rollen, um die Prozesse nicht zu zerstören. Beim Rollen braucht man keine Angst haben, dass man Insekten zerdrückt, die finden immer eine Stelle, wo sie reingehen können.
Dasselbe gilt, wenn ein Insekt auf einem Blatt sitzt und die Position zum Fotografieren ungünstig ist. Ich reisse keine Blätter ab, nur um ein besseres Foto zu bekommen. Meistens hat es einen Grund, warum sich das Insekt zum Beispiel auf der Unterseite des Blatts befindet. Mir persönlich ist es wichtig, so wenig wie nur möglich einzugreifen und alles so zu hinterlassen, wie ich es vorgefunden habe. Wir sollten mit der Natur und ihren Bewohnern respektvoll umzugehen.
Hast du ein Lieblingsbild, das an so einem verfallenen Stamm entstanden ist?
Ja, es ist ein Foto von silbrigen Schleimpilzen und grünem Hintergrund. Ich fand es faszinierend, das in dieser Konstellation vorzufinden. Man muss sich vorstellen, dass das alles extrem klein ist: die Szene ist insgesamt so gross wie der kleine Fingernagel.
Weisst du beim Fotografieren immer, wen oder was du gerade vor der Linse hast?
Nein, nicht immer. Ich bin so oft im Wald und sehe trotzdem immer wieder neue Arten. Ich versuche dann natürlich herauszufinden, was für eine Art ich fotografiert habe. Dafür muss man wissen, in welchem Lebensraum man das Insekt gefunden hat. Ausserdem hilft ein Bestimmungsfoto bei der Suche, also ein Foto des Insekts von oben. Mein Fokus liegt aber auf der Ästhetik, deswegen konzentriere ich mich zuerst darauf, ein schönes «Porträt» zu machen und im Nachgang erst das Bestimmungsfoto. Wenn die Tierchen sich entfernen, fällt das Bestimmungsfoto manchmal weg. Mir reicht es meistens, wenn ich die Familie kenne. Eine grosse Hilfe kann Social Media sein. Dort kann man ein Foto posten und nachfragen, wer diese Art kennt, das funktioniert sehr gut.
In der Makrofotografie spielt die Ausrüstung eine wichtige Rolle. Mit welchem Equipment hast du damals begonnen?
Als ich mit der Makrofotografie begonnen habe, habe ich mir direkt ein Makroobjektiv gekauft. Ich habe dann relativ schnell festgestellt, dass ich einen Blitz brauche, wenn ich die winzigen Käfer und detaillierten Strukturen zeigen möchte. Nur der Blitz allein hat jedoch viel zu hartes Licht, weshalb ich mir eine Softbox gebastelt habe. Dazu habe ich eine Röhre, einen kleinen Plastikbehälter und weisses Backpapier verwendet und über den Blitz gestülpt. Mit dieser Konstruktion habe ich meine ersten Fotos gemacht und war recht zufrieden mit dem Licht.
Als ich begonnen habe, intensiver zu fotografieren, habe ich mir einen speziellen Makro-Diffusor gekauft. Dadurch wird das Licht schön weich, man hat kein Fremdlicht und kann optimal fotografieren. Sobald nämlich die Sonne reinscheint, bekommt man in dem Bereich schnell diese weissen Flares (Blendenflecken) und das sieht nicht schön aus.
Was sollte man bei Blitz und Diffusor beachten?
Wenn man Blitz und Diffusor neu hat, würde ich empfehlen erst einmal in Ruhe zuhause die Grundeinstellungen zu machen und alles auszuprobieren, bevor man nach draussen geht. Wenn man für sich eine gute Einstellung gefunden hat, fotografiert man das erste Bild damit und verfeinert im Anschluss die Helligkeit nach Geschmack. Ich stelle meist nur noch den Blitz ein und mache es etwas heller oder dunkler, je nach Spiegelung. Tendenziell würde ich empfehlen, lieber etwas zu dunkel zu fotografieren. Mit der Technik heutzutage kann man die Bilder im Nachgang noch sehr gut aufhellen.
Wie bereitest du dich vor, wenn du fotografieren gehst?
In der Regel packe ich meine komplette Ausrüstung ein, um für alle Fälle ausgestattet zu sein. Mein Kamerarucksack ist immer gepackt, damit ich jederzeit losgehen kann. Neben der Fotokamera habe ich auch eine Videokamera dabei. Mit ihr nehme ich das Verhalten der Lebewesen auf. Zudem nehme ich sämtliche Objektive mit und eine Stirnlampe für die Nacht. Dadurch kann ich die Insekten auch in der Dunkelheit gut finden, weil zum Beispiel die Augen bei Spinnen reflektieren. Die Lampe benutze ich gleichzeitig als Fokuslicht – das brauche ich manchmal, um zu sehen, wo die Schärfe liegt. Ausserdem habe ich noch eine UV-Lampe dabei, weil man gewisse Arten nur mit dem UV-Licht sieht. Es hilft zum Beispiel bei der Suche nach Raupen.
Die meisten Bilder sind aus mehreren Aufnahmen zusammengesetzt. Welche Technik verwendest du dafür?
Da gibt es verschiedene Optionen. Bei mir ist es im Grossen und Ganzen Fokus Stacking und das kann man voll manuell machen, indem man die Position verschiebt. Entweder man schiebt die Kamera oder den ganzen Körper nach vorne und drückt dann immer wieder ab, bis man vorne angekommen ist.
Es gibt auch Kameras mit Fokus-Bracketing. Dort gibt man an, wie viele Bilder man möchte und in welchem Abstand. Das ist für Beginner noch etwas schwer einzuschätzen. Hier ist die Faustregel: weniger ist mehr. Zuerst wenig Bilder mit grossen Abständen machen und dafür eine kleine Blende, f11 zum Beispiel. Damit macht man erst mal vier bis maximal acht Bilder und tastet sich immer weiter ran. Da jedes Insekt unterschiedlich gross ist, kann man keine konkreten Vorgaben machen. Die manuelle Variante finde ich persönlich deshalb etwas einfacher. Da sieht man, wie der Fokus sich verschiebt und weiss, wann man fertig ist.
Was kannst du Anfängern in der Makrofotografie empfehlen?
Grundsätzlich würde ich mit einem einfachen Tool anfangen. Wenn man schon ein normales Makroobjektiv hat, das 1zu1 Bilder macht, dann kann man noch ein sogenanntes Renox kaufen. Das macht aus einem 1zu1 Makroobjektiv ein 2zu1, so ist man schon mal viel näher dran. Es ist wie eine Lupe und sehr universell verwendbar. Der Vorteil gegenüber einem Zwischenring, den man hinten einfügt: du kannst schneller wechseln, wenn du doch ein grösseres Motiv entdeckst.
Zudem würde ich empfehlen, direkt mit Blitz und Diffusor zu starten. Mit dem Blitz frierst du die Bewegungen ein und gerade am Anfang, wenn sich dann doch mal etwas bewegt, hast du schneller ein Erfolgserlebnis. Es ist auch empfehlenswert, mehrere Akkus dabei zu haben, wenn man mehrere Stunden fotografieren geht.
Vielen Dank für das inspirierende Interview!
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